Geflüchtet nach Siena

Am Samstag hat es wie aus Eimern geschüttet. Wir sind daher kurzerhand in Paestum aufgebrochen und ca. 550 km nach Norden in die südl. Toscana gefahren.

Siena heißt unser Zufluchtsort, wo wir nach Einbruch der Dunkelheit bei immer noch strömendem Regen eintrafen. Auf dem Campingplatz Colloverde eben oberhalb von Siena fanden wir ein ansprechendes Domizil.

Der Wetterbericht hatte Recht. Heute war wieder ein schöner sonniger Tag – wie gemacht zur Besichtigung von Siena. In 20 min sind wir mit dem Bus in der Stadt und sind gleich gefangen. Ruhig, beschaulich, rotbraune Backsteinbauten, teils enge schummrige Straßenschluchten – das ganze wirkt wie ein einziges Freilichtmuseum. Wie wir erfahren, war Siena als eine der mächtigen mittelalterlichen Stadtrepubliken schon immer eine große. Konkurrenz zu Florenz.

Wir genießen die ruhige Atmosphäre, die auf der Piazzo del Campo herrscht, manche zählen ihn zu den schönsten Plätzen der Welt. Von beträchtlicher Größe breitet er sich muschelförmig zwischen den 3 Hügeln aus, auf denen Siena erbaut ist. Rundherum eine einzigartige Kulisse mittelalterlicher Paläste, die heute Restaurants und Cafés beherbergen. Direkt am Platz der Palazzo Publica (gotisches Rathaus) mit dem schlanken Torre del Mangia, einem 102 m hohem Glockenturm.

Nicht weit entfernt auch der Dom aus hellem Marmor mit unglaublich vielen Details an der Fassade. Ein Hochgenuss ist das Betrachten des prachtvoll ausgestatteten Inneren. Einzigartig sind die wertvollen Einlegearbeiten aus verschiedenfarbigem Marmor. Wir hatten Glück, das dieser „Marmorteppich gerade zur Besichtigung freigegeben war. Ein Großteil wird zum Schutz häufig mit Holzplatten abgedeckt.

Der heutige Tag war ein wahres Fest für die Sinne !

As times goes by

Vor ca. 50 Jahren hatte ich zusammen mit meinen Eltern das Cap Palinuro mit VW-Käfer und angehängtem Wohnwagen besucht.
Da war es für mich klar: Die 75 km von hier sind keine Hürde und ich schaue mir das ganze an.
Auf den Strassen hier im Süden bedeuten 75 km 1,5 h Fahrzeit und 2-3 Herzanfälle wegen der nicht nachvollziehbaren Fahrweise der Italiener (Penisersatz?).
Wie dem auch sei. Wir sind heil angekommen.
Zunächst eine ÜBERRASCHUNG. Hier herrscht Winterschlaf. Saison beendet -trotz noch angenehmer Temperaturen- Campingplätze dicht und Hotels, Pensionen, Restaurants weitestgehend geschlossen.
Die Gegend hat sich gegenüber damals natürlich verändert. Geblieben ist eine urwüchsige Landschaft mit Grotten, kleinen Sandbuchten und wilden Flussmündungen. Der Ort Palinuro ehemals nur aus wenigen Häusern bestehend hat sich zu einem mondänen Badeort samt Jachthafen entwickelt. Hier darf man für einen Gastliegeplatz pro Nacht gerne 100 Euro bezahlen
Ich habe mich trotzdem gefreut, das ganze einmal wiederzusehen.
As time goes by…

Wo gehts denn hier zur prähistorischen Führung?

Über diese Frage -gestellt vor etlichen Jahren von einer Dame auf Malta- muss Ilse noch heute grinsen und auch Thomas wird sich erinnern.
Wir hier in Paestum hatten es nur wenige 100m mit dem Rad zu den Weltberühmten Ausgrabungsstätten. Ein weitläufiges Areal von mehreren 100m Ausdehnung beherbergt den geschichtsträchtigen Ort.
1752 entdeckten Straßenarbeiter die Reste der antiken Stadt Paestum inmitten einer Sumpflandschaft. Was Goethe auf seiner Italienreise einige Jahre später davon hielt, hatte ich vor einigen Tagen bereits berichtet.
Das heutige UNESCO -Weltkulturerbe wurde im 7. Jh. v. Ch. als griechischer Handelsstützpunkt mit Namen Poseidonia gegründet.
Aus der Blütezeit des 6./5. Jh. v. Ch. stammen drei fantastisch erhaltene Tempel – die Basilica, der Tempio di Nettuno und der Tempio di Ceres/Athena. Unter römischer Herrschaft entstanden später -ab 273 v. Ch. prächtige Villen, Theater, Thermen und die fast 5 km lange Stadtmauer (15m hoch und 5-7m breit!).
Die Prominenz des römischen Imperiums entfaltete hier gediegenen Lebensstil. Die Säle, Gärten, Thermen und Privatgemächer waren mit Darstellungen der antiken Mythologie und Lebenswelt geschmückt. Farbenfrohe Wandmalereien, kostbare Mosaikfußböden und meisterhafte Skulpturen belebten das Ambiente.
Wegen Versumpfung und Malaria musste der Ort im 10. Jh. aufgegeben werden.
Während die Tempel und Grundmauern der Villen und öffentlichen Gebäude im Außengelände zu besichtigen sind (Ausspruch eines Campers: Alte Steine!) sieht man die Verzierungen der Gebäude, Wandmalereien, Skulpturen, Vasen und Gebrauchsgegenstände im Museo Archeologico.
Hier sahen wir natürlich auch das „Grab des Tauchers“ jenes Bildnis auf dem Inneren einer Grabplatte, welches den Kopfsprung eines Jünglings ins Wasser zeigt – Metapher für den Übergang ins Jenseits.
Ausgerüstet mit einer reich bebilderten Broschüre für Hintergrund-Infos war der gestrige Tag ausgesprochen anregend.